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Die Politik der Gefühle. Über Wut und gesellschaftlichen Wandel

 
19. Juni 2026
  • 13. KupoBuko

Das gesellschaftliche Unbehagen am Gefühl der Wut geht weit zurück. Hierfür stehen der 2010 als Unwort des Jahres gekürte Begriff des Wutbürgers, ebenso wie die vielgestaltigen journalistischen und akademischen Plädoyers für eine Abkühlung öffentlicher Debatten[1]. Die Metaphern der gesellschaftlichen Temperatur – das Überkochen, die erhitzten Debatten – transportieren ein erstaunlich konsensfähiges gesellschaftliches Unbehagen gegenüber der Wut, welches sich sowohl auf die Effekte digitalisierter Öffentlichkeiten bezieht als auch auf veränderte Kulturen des Selbst, in denen Emotionen seit dem Aufstieg der Psychologie, der Therapiekultur und der Selbsthilfe[2] in den 1990er Jahren auch in öffentlichen Debatten einen neuen Stellenwert erfuhren. Doch gegenüber diesem Unbehagen an der Wut sollte man durchaus kritisch bleiben.

Die politische Ökonomie der Gefühle

In The Cultural Politics of Emotion (2004) untersucht die feministische Theoretikerin Sara Ahmed die Rolle von Emotionen in der Konstruktion sozialer und politischer Ordnungen. Laut Ahmed sind Emotionen nicht psychologisch oder sozial, individuell oder kollektiv – vielmehr sind Emotionen grundlegend für die Konstitution und Verbindung all dieser Sphären. Zentral für Ahmeds Argumentation ist die Idee, dass Emotionen »sticky« sind, sie verbinden sich klebrig mit bestimmten Körpern oder Gruppen, sie haften diesen an und prägen somit deren soziale Wahrnehmung. Ahmed zeigt, dass rassifizierte und marginalisierte Gruppen oft als Träger negativ konnotierter Emotionen konstruiert werden, während dominante Gruppen ihre Machtposition durch die Kontrolle affektiver Narrative aufrechterhalten können: »‘being emotional’ comes to be seen as a characteristic of some bodies and not others«[3].

Dass die Zuschreibung von Gefühlen insbesondere in westlichen Gesellschaften dazu benutzt werden kann, um soziale Gruppen zu delegitimieren, sagt vieles über den gesellschaftlichen Blick auf Emotionen: Emotionen sind tendenziell nichts Gutes, sie vernebeln den Blick auf das Rationale.

Die Position, dass Emotionen im Allgemeinen und die Wut im Besonderen auch ein Treiber für emanzipatorische Transformation sein könnten – oder zumindest ein Anzeiger dafür, wo es gesellschaftlichen Veränderungsbedarf gibt – erscheint daher eher abseitig, insbesondere in Zeiten, in denen das Gefühl der Wut spontan dem Autoritarismus zugeordnet wird.

Doch es lohnt sich, dies noch einmal neu zu durchdenken.

Dabei geht es mir nicht darum, eine rechte »Zerstörungslust«[4] zu verharmlosen. Meine Skepsis gegenüber dem Unbehagen an der Wut kommt aus der Richtung einer feministisch-postkolonialen Perspektive, die in der scheinbar so unpolitischen Einigung auf Neutralität, Sachlichkeit und Rationalität auch eine historisch gewachsene Emotionsfeindlichkeit sichtbar machen kann und daran erinnert, dass Wut auch ein zentraler Treiber in emanzipatorischen Protestbewegungen ist – und ein legitimes Erkenntnisvehikel.

Emotionen als Wissensspeicher

Die Perspektive des Rationalismus, die den westlich-modernen Blick auf Gefühle grundlegend geprägt hat, geht auch mit der Vorstellung einher, dass Gefühle als Wissensquelle mit dem Verstand nicht mithalten können. Gefühle gelten so als untergeordnete Faktoren in sozialen Beziehungen, wenn nicht sogar als hinderlich für deren Gelingen. Gefühle, so die rationalistische Idee, beeinträchtigen Wahrnehmung und Urteilskraft: »To be emotional is to have one’s judgement affected: it is to be reactive rather than active, dependent rather than autonomous«[5].

Denn Emotionalität wird häufig immer noch vor allem rassifizierten und marginalisierten Gruppen zugeschrieben. Während sie als emotional gelten, wird dominanten gesellschaftlichen Gruppen positiv zugestanden, ihre Affekte zu kontrollieren. Dabei haben diese in der Regel vor allem weniger Grund für Protest.

Das Narrativ, Gefühle seien reaktiver, weniger autonom und allgemein weniger zu trauen, als das Denken, sollte der Kulturbereich also nicht undifferenziert übernehmen. Vielmehr muss gefragt werden, wie es zur Aneignung der Wut durch dominante Gruppen kommen kann. Auch sollten Akteur*innen im Kulturbereich nicht übersehen, dass emotionsfeindliche Narrative eine Idee der Kulturproduktion selbst untergraben. Zentrale Aufgabe der Kultur ist es ja, das Ästhetische, und somit auch körperliche und emotionale Regungen, auf unterschiedlichste Weise zu befragen.

Zwar ist in einem Schlüsseltext der ästhetischen Theorie, Kants Trennung der ästhetischen von der rationalen Urteilskraft,[6] bereits angelegt, Vernunft von Sinneswahrnehmung zu unterscheiden. Doch in dieser Trennung wurden diese Urteilsformen und somit auch die gesellschaftlichen Sphären, die sich diesen zuordnen lassen – Kunst, Wissenschaft – nicht hierarchisiert.

Aus Perspektive neuerer Theorien, und zwar Theorien kapitalisierter Gefühlswelten[7], muss man sogar fragen, ob nicht nur Gefühle, sondern geradeauch gesellschaftlich negativ konnotierte Gefühle im Kulturbereich besonders mutig befragt werden sollten. Insofern es heute vor allem ökonomische Akteure sind, die um positive Gefühlskulturen werben, kann es eine kritische Aufgabe der Kultur sein, Räume für Wut, Trauer und Unsicherheit offenzuhalten. Die Ökonomie hingegen liebt zielgerichtete Positivität: Von Individuen werden positive Gefühlsbeiträge zu Teams und Unternehmen erwartet[8] und die Börse lebt von positiven Zukunftserwartungen.

Diesem unbeirrten Optimismus ist noch weniger zu trauen als der Wut. So schreibt auch die Philosophin Laurent Berlant, Optimismus sei im Grunde »grausam«[9]. Er basiere auf Fantasien und kulturellen Narrativen, die sich nicht mehr einlösen lassen: sozialer Aufstieg, Arbeitsplatzsicherheit, politische und soziale Gleichheit und ein immer besseres, lebenswertes Leben. Nicht nur blinder Optimismus, auch das Ausbleiben von Gefühlen kann furchterregend sein. Die gesellschaftlich eingeübte Dissonanz zwischen den kulturellen Versprechen von Fortschritt, Gleichheit und gutem Leben und die dabei jedoch ständig erfahrbarer werdenden Veränderungen zum Schlechteren beschreibt Ahmed als »Crisis Ordinariness«[10]. Oder, wie es der Philosoph Jan Slaby in Bezug auf den Klimawandel mit Sorge konstatiert: die zerstörerischen Effekte des westlichen Lebensstils bleiben weitgehend im Bereich des »Ungefühlten«.[11]

Trotzdem gibt es natürlich genügend Gründe, sich vor der gesellschaftlichen Wut zu sorgen. Sie bringt demokratiefeindlichen Parteien Wählerstimmen und rechte Wut ist äußerst bedrohlich für marginalisierte Gruppen. Doch eine hegemoniale Emotions- und Wutfeindlichkeit spielt diesem Umstand eher noch weiter in die Hände. Denn dann ist Wut immer schon Widerstand, und zwar gegen eine rationale Gefühlskultur – ungeachtet der Frage, wie widerständig das Anliegen der Wütenden in anderer Hinsicht ist.

Wut in den Künsten

Was heißt das nun für die Künste? Müssen Kulturinstitutionen herhalten für alles, was bedrückt, ängstlich stimmt, wütend macht oder resignieren lässt? Sicher nicht. Es wäre nicht nur äußerst langweilig, sondern auch ein großes Missverständnis der künstlerischen Autonomie, zu meinen, die Künste müssten bloß fühlbar machen, was anderswo nicht gefühlt werden darf. Die Künste können aber das beherzen, was man eine Machtkritik gesellschaftlicher Gefühlskulturen nennen kann: hegemoniale Gefühlsregeln sichtbar machen, kritisch befragen und zeigen, dass diese nie festgeschrieben, sondern immer verhandelbar bleiben.


[1] Reckwitz, Plädoyer für eine Abkühlung öffentlicher Debatten.

[2] Illouz, Saving the Modern Soul Therapy Emotions and the Culture of Self-Help.

[3] Ahmed, The Cultural Politics of Emotion, 4.

[4] Amlinger, Carolin und Nachtwey, Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus.

[5] Ahmed, The Cultural Politics of Emotion, 3.

[6] Kant, „Kritik der Urteilskraft“.

[7] Illouz, Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung; Hochschild, The managed heart: commercialization of human feeling.

[8] Hochschild, The managed heart: commercialization of human feeling.

[9] Berlant, Cruel Optimism.

[10] Ahmed, The Cultural Politics of Emotion, 10.

[11] Slaby, Das Ungefühlte – Affektivität und Wirklichkeit in Zeiten der ökologischen Katastrophe.

Hinweis: Die Blogbeiträge geben nicht die Meinung und/oder Haltung der Redaktion und/oder der Veranstalterin des zweijährlichen Kulturpoliitischen Bundeskongresses wider, sondern die der jeweiligen Autor*inn(en).

Marie Rosenkranz

Marie Rosenkranz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie promoviert bei dem Soziologen Prof. Andreas Reckwitz zu kunstaktivistischen Praktiken am Beispiel der Brexitdebatte. Zuvor arbeitete sie beim Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, sowie bei den gesellschaftspolitischen Thinktanks Polis180 und dem European Democracy Lab. Beim European Democracy Lab leitete sie unter anderem das F(EU)TURE Festival im Vorfeld der Europawahlen 2019, im Rahmen dessen Initiativen aus Kunst, Politik und Wissenschaft zusammenkamen und für das sie mit dem Blauen Bär der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa ausgezeichnet wurde. Marie Rosenkranz hat Kommunikation und Kulturmanagement an der Zeppelin Universität und Europawissenschaften in Maastricht und Granada studiert.