Konzeption
Der 13. Kulturpolitische Bundeskongress
Ulrike Blumenreich, Linda Kelch, Anna Kaitinnis, Catalina Rojas Hauser, Antonia Callenberg
Der 13. Kulturpolitische Bundeskongress trägt den Titel: »Wi(e)der die Wut. Kulturpolitische Netzwerke gegen Autoritarismus«. Er stellt die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten von Kultur, Bildung und Politik, um in Zeiten gesellschaftlicher Verlusterfahrungen wieder Zuversicht zu geben.
Ziel ist es, Diskurs- und Lernräume zu schaffen für die Herausbildung kulturpolitischer Strategien – gemeinsam mit Akteuren aus Kunst und Kultur, Kulturpolitik und Kulturverwaltung, kultureller und politischer Bildung sowie Wissenschaft und Journalismus mit unterschiedlichen Erfahrungen und diversen Perspektiven.
Veranstaltet wird der Kulturpolitische Bundeskongress am 11. und 12. Juni 2026 von der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. (KuPoGe) und der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb in Zusammenarbeit mit dem Kongresspartner Deutscher Städtetag. Gefördert wird er vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien.
Das Setting
- Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Triggerpunkten – Think & Do
Ausgehend von der Setzung von Kulturpolitik als Demokratiepolitik bearbeiten die Kulturpolitischen Bundeskongresse seit 2001 die »Triggerpunkte« gesellschaftlicher Debatten. Ziele sind die Vermittlung von kulturpolitisch relevanten Impulsen aus Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Kunst sowie die Herausbildung kulturpolitischer Strategien in Bezug auf Zukunftsfragen.
Inhaltlich knüpft der 13. Kulturpolitische Bundeskongress an die letzten beiden Kongresse »Kunst der Demokratie. Kulturpolitik als Demokratiepolitik« (2022) und »Post-Polarisierung? Kulturpolitische Narrative gestalten« (2024) an.
- Interdisziplinarität & Internationalität
Der 13. Kulturpolitische Bundeskongress ist Wissensplattform, Diskurs- und Experimentierraum sowie Networking-Event zugleich. Wichtig sind uns Interdisziplinarität und der Transfer von Wissen – aus der Wissenschaft in die Praxis und umgekehrt – und das gemeinsame »Voneinander Lernen«. Impulse aus der Soziologie, den Künsten, den Neurowissenschaften, der Kulturpolitik, des Rechts-, Kultur- und Bildungswissenschaften etc. befruchten den gegenseitigen Austausch. Erfahrungen von Kolleg*innen aus anderen europäischen Ländern erweitern das Blickfeld.
- Format- & Perspektivvielfalt
Den unterschiedlichen Funktionen des Kongresses tragen vielfältige Akteure in unterschiedlichen Formaten Rechnung: Sie umfassen Keynotes, Dialoge, künstlerische Interaktionen, Workshops, Podiumsdiskussionen, kollegiale Austauschformate, experimentelle Formate und ein »Buntes Sofa« etc.
- Partizipation & Einladung zur Mitgestaltung
Sowohl die Erstellung des Konzeptes als auch die Umsetzung während des Kongresses ist partizipativ angelegt. Das Konzeptionsteam – bestehend aus den fünf Autorinnen aus der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Bundeszentrale für politische Bildung /bpb – und dem Kongresspartner Deutscher Städtetag wird während des gesamten Prozesses begleitet von Critical Friends, einem Kreis aus Akteur*innen aus Theorie und Praxis, Kunst und Wissenschaft, neuen und langjährigen Aktiven.
Zur Mitgestaltung des 13. Kulturpolitischen Bundeskongresses wurden zwei »Calls for Participation« veröffentlicht, bei denen Interessierte eingeladen wurden, ihre Ideen zur Gestaltung von Foren-Workshops und für das Abschlussformat einzubringen (jeweils in deutscher und englischer Sprache). Die Critical Friends wählen sieben Beiträge aus, die von den Einreichenden auf dem Kongress realisiert werden.
Thematischer Aufriss
Der Titel »Wi(e)der die Wut. Kulturpolitische Netzwerke gegen Autoritarismus» greift den in der aktuellen Literatur zu beobachtenden sprachlichen Kurswechsel auf – mit Begriffen wie Wut, Rache, Reparatur, Verlust, Gegenangriff. Zugleich knüpft er an die Diskussion zur Rolle von Kulturpolitik an, die am Vorabend des Kongresses zum 50. Jubiläum der Kulturpolitischen Gesellschaft im Zentrum steht.
Der Kongress ist strukturiert in verschiedene thematische Abschnitte, die jeweils in unterschiedlichen Formaten umgesetzt werden:
- die Auseinandersetzung mit Verlusten und Emotionen und ihrer Rolle und Nutzung in den aktuellen Debatten – aus soziologischer, neurologischer und künstlerischer Perspektive – in Keynote, Auftaktgespräch und künstlerischer Intervention
- die Erörterung der Frage von »Neutralität als Haltung?« – aus juristischer, kommunaler, kulturpraktischer und internationaler Perspektive – in Panel 1 und sechs parallelen Foren
- die Diskussion von »Kulturfinanzierung als Einfallstor?« – aus kulturpolitischer, journalistischer, förderpolitischer und internationaler Perspektive – in Panel 2 und sechs parallelen Foren
- die Beschäftigung mit »Netzwerken als Rettung?« – aus verschiedenen praktischen Perspektiven und mit dem Blick zur zukünftigen Ausgestaltung – in Panel 3 und dem partizipativen Abschlussformat.
Verlust & Emotionalisierung
Den Auftakt des Kongresses bildet die Auseinandersetzung mit den sozial- und kulturtheoretischen Überlegungen von Andreas Reckwitz. Mit seiner aktuellen Publikation »Verlust. Ein Grundproblem der Moderne« (2024) leistet er eine Analyse der sozialen und kulturellen Strukturen, die unser Verhältnis zum Verlust prägen. Er zeigt einen Widerspruch auf zwischen dem Fortschrittsversprechen der Moderne und Verlusterfahrungen, die diese immerzu produziert. Als Keynote-Speaker beleuchtet er die »Verlustparadoxie«: Der Fortschritt will Verluste reduzieren, bringt aber immer neue hervor und potenziert sie sogleich. Das Narrativ des ungebrochenen Fortschritts ist brüchig geworden: Heute prägen Verlusterfahrungen oder Verlustängste die Gesellschaften der Industrieländer – die »Verlusteskalation« manifestiert sich in zahlreichen Krisenphänomenen.
Emotionalisierungen spielen im gesellschaftlichen Leben und in der Politik eine immer größere Rolle. Auch in soziologischen, politischen und neurologischen Diskursen wird die Emotionalisierung aktuell intensiv beleuchtet. Die Neurowissenschaftlerin und Professorin für Nachhaltige Transformation Maren Urner zeigt in »Radikal emotional. Wie Gefühle Politik machen« (2025) auf, wie Gefühle in der Politik funktionieren und dass Politik ein Aushandlungsprozess über unterschiedliche Gefühle ist. »Polarisierungsunternehmer« (Mau, Lux & Westheuser 2023) und »Verlustunternehmer« (Reckwitz 2024) generieren weltweit längst auch aus Erfahrungen der De-Privilegierung starke Emotionen wie Wut und kapitalisieren diese in Politiken der Rache gegen Grundsätze liberaler Demokratien.
Können Gesellschaften modern bleiben und sich zugleich produktiv mit Verlusten auseinandersetzen? Wie kann ein konstruktiver Umgang mit Verlusten aussehen? Welche Rolle kann Kunst im Umgang mit Verlusten spielen? Brauchen wir eine Neuausrichtung des Fortschrittnarrativs, die es (spät-)modernen Gesellschaften ermöglicht, resilienter mit Verlusten umzugehen? Brauchen wir neue Ansätze – wie beispielsweise die Liebe, die von Daniel Schreiber radikal neu gedacht wird (2025) – als politische Kraft und als Haltung des Handelns?
Neutralität als Haltung?
Bezugnahmen auf den demokratischen Grundkonsens und Anrufungen des normativen Kerns im Grundgesetz werden immer häufiger konterkariert durch Verweise auf staatliche Neutralitätspflichten. Während die Profession politischer Bildung und die Gedenkstättenpädagogik bereits seit vielen Jahren auf die damit verbundene, enorme Gefahr hinweisen, erreicht dieser Diskurs nun auch verstärkt die Kultur – sowohl in ihrer praktischen Arbeit als auch in der Kulturpolitik und Kulturverwaltung.
Was bedeutet das »Neutralitätsgebot« – juristisch betrachtet? In welchem Verhältnis stehen der demokratische Grundkonsens und der normative Kern im Grundgesetz zu Verweisen auf »staatliche Neutralität«? Wie steht es um »Neutralität als Haltung« im Bereich der Kulturpolitik und -praxis? Was bedeutet »Haltung« hierbei? Was brauchen Mitarbeitende in Kulturverwaltung und -institutionen, in kultureller Bildung und ästhetischer Praxis, um »Haltung« bewahren zu können?
Kulturfinanzierung als Einfallstor?
Welche Prioritäten und Strukturen liegen der Kulturfinanzierung aktuell zugrunde? Welche Auswirkungen haben enger werdende finanzielle Spielräume gesamtgesellschaftlich – gerade angesichts der Tatsache, dass Kultur als »vorpolitischer Raum« besonders von »Kulturkämpfen« betroffen ist? Bedarf es alternativer Finanzierungsstrukturen? Oder braucht es nicht gerade die bessere Nutzung vorhandener Ressourcen und eine Stärkung des Kulturbereiches insgesamt als zentralem Austragungsort der Angriffe auf die liberale, plurale Demokratie? Wie können Kultureinrichtungen als Orte der Aushandlungsprozesse stärker wahrgenommen und auch gefördert werden und damit der (gefühlten) Polarisierung entgegenwirken?
Netzwerke als Rettung?
Netzwerke bestehen aus einer Reihe miteinander verbundener Knoten und Verbindungen. Sie sind zentrale Systeme in Natur und Technik ebenso wie im Sozialen. Können wir in den sozialen Systemen von biologischen Systemen lernen? Welche Rolle spielen Kooperationen – in der Natur und in der Gesellschaft? Wie tragfähig ist das Konzept des »Survival of the Nettest« (Dirk Brockmann 2025) aus der Natur für aktuelle Herausforderungen? Können Kulturpolitik, kulturelle und politische Bildung sowie ästhetische Praxis zur Erprobung und Etablierung von Mechanismen beitragen, die uns zum Umgang mit negativen Emotionen befähigen und damit »Schlüsselkompetenzen« ausbilden, um der allgegenwärtigen Erfahrung von Verlust gewachsen zu sein? Wenn dafür maßgeblich ist, nicht (mehr) naiv zu sein – heißt: mit möglichen Verlusten rechnen, Resilienz aufbauen, Ambiguitätstoleranz fördern – ist das dann schon genug, um autoritären Angriffen erfolgreich zu begegnen? Welche Netzwerke müssen dafür geschlossen werden? Und wie?