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Theater als Geste guter Nachbarschaft.

 
8. April 2026
  • 13. KupoBuko

Theater entsteht überall dort, wo Menschen zusammenkommen, auf Betonstufen in einem Plattenbauviertel, vor dem Jobcenter, auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, auf dem Dorfplatz oder zwischen den Häusern einer Kleinstadt. Dort, wo der Alltag pulsiert, wird Kultur zur demokratischen Infrastruktur: ein vorpolitischer Raum, in dem Unterschiede ausgehalten und Gemeinsamkeiten geteilt werden. Als neue Leitung des Staatstheaters Cottbus setzen wir mit der »Spielstätte STADT« genau auf diese Gestaltungskraft, raus aus der Immobilie, hin zur Stadt als Bühne.

»Leg das Ohr an das Relief des Waschbetons. Würde wohnt dahinter. Schränke hängen fest an der Wand. Fest halten Hände sich. Ein Fest erwartet dich!«
Platzhalter Portrait
diese Platten-Poesie von Johannes Lange entstand für die Kampagne Platten/Stufen/Fest/Spiele 2024

In Erfurt, im angespannten Sozialraum des Rieth, ein ehemaliges DDR-Neubaugebiet mit 7.000 Einwohner*innen, lernten wir 2024 diese Lektion hautnah. Bei einer Umfrage zu »Publika der Zukunft« stellten wir hochmotiviert diese Frage: »Was müssen wir tun, damit ihr zu uns kommt?« Die Antwort der Bewohner*innen im Rieth: »Warum sollen wir zu euch kommen? Kommt ihr doch zu uns!« Das ist kein patziger Spruch. Darin steckt erst einmal ein sehr ernst zu nehmender Befund: Ein Vorwurf, eine Distanz, ein Gefühl von »ihr da drinnen in euren Häusern, euren Projektlogiken, euren Förderanträgen – und wir hier draußen auf dem Platz der Völkerfreundschaft mit sehr konkreten, unideologischen Alltagssorgen«. Und gleichzeitig steckt darin ein Wunsch: »Kommt her, macht hier etwas, nehmt unseren Ort ernst. Denn was wirklich fehlt, sind Begegnungsräume.«

Wir haben uns 2024 für die zweite Antwort entschieden und sie als Einladung verstanden. Aus dieser Einladung sind die Plattenstufen-Festspiele entstanden. Ein Festival der Zivilgesellschaft, welches zweieinhalb Wochen auf dem Platz der Völkerfreundschaft Begegnung radikal stiftete und auch einforderte. Workshops mit Schulen, Vereinen und Sozialarbeiter*innen, Lesungen von Annett Gröschner, Wenke Seemann und Peggy Mädler, Kunstaktionen, Theater, Tanz, Fürsorgeangebote. 2.300 Menschen aus allen gesellschaftlichen Ecken kamen: Bewohner*innen des Rieth, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, Menschen mit klar rechter, Menschen mit radikal linker Haltung, transferleistungsabhängige Menschen, Leute aus der schicken Erfurter Innenstadt, die zum ersten Mal in dieses Quartier kamen, überregionale Besucher*innen und sogar die New York Times tauchte auf. Auf denselben Stufen saßen sie, teilten Geschichten, stritten, lachten. Nicht immer harmonisch, aber gemeinsam.

»Ruf deinen Namen laut in die Höfe zur Mittagszeit. Frühe Kinderstimmen wandern leise noch. Da, zwischen Platten und Beton. Warst du eine davon?«
Platzhalter Portrait
Platten-Poesie 2024

Mit dem Rumpel Pumpel Theater verfolgt der Mitbegründer Johannes Lange ein sehr ähnliches Prinzip.
Seit acht Jahren macht das Kollektiv modernes Volkstheater und tourt damit durch die Republik. »Wir spielen unsere Stücke überall und für alle.« Das ist das Motto vom Rumpel Pumpel Theater.
 
2018 entstand am Schauspielhaus Bochum die erste mobile Produktion »Loli Jackson auf der Suche nach dem Sinn von Allem«. Es folgten Kooperationen 2023 mit dem Berlin is not Berlin-Festival (»Im Brandzeichen des astronomischen Pferdes: Eine Show von echten Männern«) und 2024 mit dem Kunstfest Weimar (»Das Hotel im Karussell«). Bis dato hat das aus Karussell und Marktwagen bestehende mobile Kulturkommando auf Skisprungschanzen und Volksfesten, vor Jobcentern und Kunsthäusern, in Biergärten und Bierzelten sein modern-skurril abgedrehtes Volkstheater dargeboten. Dabei oft vor einem Publikum, das anfangs gar nicht wusste, dass es eines ist. Und dafür oft genug liebte, eines geworden zu sein.

Das Rumpel Pumpel Team sagt über sich: »Wir passen nirgendwo rein, weder Freie Szene, noch Stadttheater, noch Straßentheater«. Sie passen aber genau dahin, wo häufig Theater fehlt. Damit sind sie auch Stellvertreter für die professionellen Darstellenden Künste und nicht selten auch Erstkontakt für viele. Und das an Orten und in Regionen, die bei einigen Künstler*innen und Theaterinstitutionen nicht auf der inneren Landkarte liegen.

Älter als jede Spielstätte, wird diese Urform des freien, umherziehenden Theaters noch immer verstanden. Es ist die Ansprache, wie sie die Gaukler und das Wandertheater auf die Plätze getragen haben. Alle sind gemeint. Man muss nicht erst wissen, wie Theater geht, um sich davon unterhalten zu fühlen.

»Sonne fällt aus dem Himmel auf deinen Balkon. Nicht nur auf deinen. Der Stern legt sich auf alle Stufen. Unsere Stadt, die wir erschufen.«
Platzhalter Portrait
Platten-Poesie 2024

Wie es unserer Gesellschaft geht, zeigt sich im öffentlichen Raum. Dort wird sichtbar, wer ihn nutzt, wer ihn prägt und wer sich zurückzieht. Wenn Theatermacher*innen den Impuls haben, mit ihrer Arbeit genau dorthin zu gehen, ist das keine Nebensache, sondern eine direkte Reaktion auf diese gesellschaftlichen Spannungen.

In diesem Drängen steckt ein klarer Wille: nicht außen vor zu bleiben, sondern teilzunehmen, mitzuwirken, den öffentlichen Raum nicht einfach anderen zu überlassen. Das ist künstlerisch motiviert, aber zugleich auch politisch. Und genau darin liegt eine Haltung, die von der Kulturpolitik ernst genommen werden sollte.
Lokale Bedürfnisse ernst nehmen und öffentliche Räume aktiv bespielen ist für uns die Essenz von demokratischer Infrastruktur im Kulturbereich: Wir schaffen vorpolitische Räume, in denen Unterschiede ausgehalten und Gemeinsamkeiten geteilt werden können, nicht als pädagogische Maßnahme von oben, sondern als ernst gemeintes Angebot auf Augenhöhe.

Aus diesen Praxen entsteht ein klares Leitbild: eine Kultur(politik) für Vertrauen mit drei Achsen. Erstens: Agieren statt reagieren. Nicht jede Provokation verdient eine künstlerische Antwort – wir handeln aus dem Kontext der Menschen vor Ort. Zweitens: Hinwenden statt abgrenzen. Statt das Dagegen zu formulieren (»gegen Spaltung«), suchen wir das Wofür: Begegnung, Gemeinschaft. Drittens: Radikale Kooperation, Kollaboration und Ko-Kreation. Theater, Festivals oder mobile Produktionen – nichts geht ohne Zivilgesellschaft, Verwaltung, Initiativen.

Mit der Spielzeit 2026/27 bündelt die »Spielstätte STADT« diese Energien am Staatstheater Cottbus. Gemeinsam mit Anica Happich konzipiert, übernimmt Johannes Lange die Leitung für mobile Produktionen für Cottbus und die Niederlausitz: Schauspiel, Musiktheater, Konzert, Tanz – spartenübergreifend, neu.
Unser Motto: »Wenn wir kommen, dann treten wir auf.« Theater ist keine Immobilie. Es ist ein Zustand. Es entsteht, wo Menschen sind. Parkplatz wird Arena, Rasen zum Zuschauerraum, Asphalt zur Spielfläche. Temporäre Arenen im Alltag: vor Schulen, auf Märkten, in Stadtteilen, Dörfern Brandenburgs. Wir knüpfen an Kontinuitäten an und treiben sie weiter. Die Spielstätte STADT ist keine einmalige Aktion, sondern eine Setzung: »Die Architektur fließt, Bewegungsströme entstehen.«

Der öffentliche Raum bleibt auch ein lebendiges Risiko. Unwägbarkeiten und Publikumsbegegnungen, die herausfordernd sein können, müssen ernsthaft in Szenarienarbeit einkalkuliert werden. Gleichzeitig steckt in diesem mut- und lustvollen Vertreten der künstlerischen Arbeit auch die Kraft der Selbstverständlichkeit: Theater ist Teil unseres Alltags.

»Kosmonautin sein ist ein gutes Spiel. WBK, WBS 70, P1, P2, PQ. Ziel! Kodierungen einer Satellitenstadt. Ein Countdown zählt für deinen Start.«
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Platten-Poesie 2024

In Zukunft müssen wir uns häufiger fragen: Welche Allianzen brauchen wir? Mit Zivilgesellschaft, Verwaltung, demokratischen Kräften? Welche Debatten verdienen unsere Energien? Wann gilt es, Ruhe und Haltung zu zeigen? Und wie können wir unsere Spielräume nutzen? Egal, ob wir in der Kultur, Verwaltung, Politik oder in anderen Sektoren wirken.

Wir plädieren daher für eine Kultur(politik) für Vertrauen – nicht gegen Misstrauen. Zwischen Institutionen und Gesellschaft, Publikum und Kunst, Politik und Verwaltung und uns Künstler*innen.

Kulturpolitik lebt wie die Kunst, die sie ermöglichen soll, von Vorstellungskraft. Somit sind fantasiestiftende Referenzpunkte wie die Plattenstufen-Festspiele, das Rumpel Pumpel Theater und die Spielstätte STADT entscheidend. Aus einer Idee sind belastbare Erfahrungen und künstlerische Erlebnisse entstanden. Diese müssen genauso ernst genommen werden wie Produktionen in den Theaterhäusern. Das ist kein »nice to have«, kein »extra« oder »nur« Teil einer Outreachstrategie, um neues Publikum aufzubauen. Das ist ein notwendiger Teil unserer demokratischen Infrastruktur.

Am Platz der Völkerfreundschaft in Erfurt waren 2.300 Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Die »Relevanzfrage« hat sich uns nicht ein einziges Mal gestellt

Annica Happich

Annica Happich ist Kulturarbeiterin. Sie wurde in Klein Oschersleben (Sachsen-Anhalt) geboren und hat ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main (2012 bis 2016) absolviert.

Bis 2020 war sie als Schauspielerin am Theater Basel engagiert und arbeitete dort mit Tilmann Köhler, Miloš Lolić und Claudia Bossard. Seit 2020 ist sie auch als Filmschauspielerin tätig, unter anderem als Protagonistin des Mainzer Tatorts »Blind Date« (ARD). Seit 2021 lehrt sie als Dozentin an verschiedenen Hochschulen und Programmen, darunter die HfMDK Frankfurt am Main, die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, das Performing Arts Programm Berlin und die Bundesakademie Wolfenbüttel.

2021 initiierte sie gemeinsam mit Jakob Arnold das PHOENIX Theaterfestival in Erfurt, das sie bis heute leitet. Dort fördert sie Nachwuchskünstler*innen, betreibt Publikumsforschung und entwickelt mobile Formate im Stadtraum. 2023 erweiterte sie ihre kuratorische Arbeit auf Ostdeutschland und demokratiestärkende künstlerische Formate, darunter die »Plattenstufen-Festspiele« und die »Wellness- und Demokratieoase«, die 2024 den Zukunftspreis KULTUR GESTALTEN erhielt.

Im kulturpolitischen Bereich ist sie unter anderem für die Kulturstiftung des Bundes, den Fonds Darstellende Künste, den Thüringer Theaterverband, die Initiative FAIRSTAGE, das ensemble-netzwerk und das Forschungsprojekt »Systemcheck« tätig.

Mit der Spielzeit 2026/2027 tritt sie ihre Stelle als Schauspieldirektorin am Staatstheater Cottbus an.

 

Johannes Lange

Johannes Lange ist Schauspieler und Gründungsmitglied des freie Szene Kollektivs Rumpel Pumpel Theater. Er stammt aus Rostock und studierte Schauspiel am Thomas-Bernhard-Institut in Salzburg. Sein Erstengagement hatte 20214 am Oldenburgischen Staatstheater. Er ist Gründungsmitglied des ensemble-netzwerk e.V. und arbeitet seit vielen Jahren als freier Schauspieler u.a. am Hans Otto Theater Potsdam, dem Ballhaus Ost, dem Radialsystem, dem Konzerthaus Berlin sowie dem Landestheater Coburg. Parallel dazu ist er als Projektmanager, Leiter mobiler Bühnen und Pressesprecher tätig und verfügt über umfassende Erfahrung in der Entwicklung, Umsetzung und Kommunikation von Projekten im öffentlichen Raum. Seit 2018 ist er Co-Leiter der mobilen Bühne des »Rumpel Pumpel Theaters« künstlerischer und geschäftsführender Funktion und realisiert mit ihr bundesweite Gastspiele und Kooperationen (u.a. Kunstfest Weimar, Ruhrfestspiele). Darüber hinaus arbeitet er als Redakteur für die Gewerkschaftszeitschrift »Toi Toi Toi« und war Geschäftsführer des ensemble-netzwerk e.V. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in neuen Publikumsansprachen, Theater im öffentlichen Raum und der strukturellen Entwicklung zeitgenössischer Theaterarbeit. Mit der Spielzeit 2026/2027 tritt er seine Stelle als Leiter der Spielstätte STADT am Staatstheater Cottbus an.