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Wi(e)der die Wut – Interessenvertretung in polarisierten Zeiten

von Maria Gebhardt
 
10. Juli 2026
  • 13. KupoBuko

Sprechen wir über Kulturpolitik, Verwaltung oder Staatssysteme, tendieren wir dazu, die Grundkonstante Mensch auszusparen. Nachvollziehbar: Die Reduktion auf das Sachliche ermöglicht Systematisierung, Besprechbarkeit, Lösungsfindung. Scheinbar ebenso funktioniert der parlamentarische Raum – elaborierte Sprache, institutionelle Vernetzung, Verhandlungsgespräche. Doch der Zugang zu diesen öffentlichen Bühnen der Demokratie wird ergänzend kontrolliert nach patriarchalen, hegemonialen und aufmerksamkeitsökonomischen Kriterien – eher psychologischen denn sachlichen. Distinktion, Machtabsicherung und Existenzsicherung sind wesentliche Mechanismen innerhalb der repräsentativen Demokratie. Kooperation und Solidarität – essenzielle Instrumente menschlichen Überlebens – bleiben günstige Nebenprodukte, selten werden sie als Grundannahme von Verhandlung gesetzt

Es ist ein Strukturproblem und nicht mit besserem Wissen behebbar. Was Demokratieforscher Wolfgang Merkel als Krisensymptom repräsentativer Demokratie beschrieben hat, lässt sich empirisch belegen: Die Soziologin Lea Elsässer weist nach, dass politische Anliegen unterer sozialer Schichten von 1998 bis 2013 von keiner Regierungspartei ernsthaft in den politischen Prozess getragen wurden[1]. Merkel spricht von einer Demokratie, die zur »elitären Zuschauerdemokratie« verkommt, wenn bildungs- und klassenspezifische Selektivität sich verschärft[2]. Probleme und Bevölkerungsbedarfe werden verwaltet; Lösungsoptionen werden nicht mit der Öffentlichkeit debattiert, sondern in bestehende Parteiprogramme eingepasst. Wir erwarten, innerhalb eines antiquierten Demokratiemodells aktuelle Herausforderungen bewältigen zu können – so, wie wir hoffen, dass gesellschaftliche Kulturnutzung durch Wertproklamation wieder ansteigt, obwohl (Nicht-)Besucher*innenforschung seit 25 Jahren unverändert von maximal 10% regelmäßiger Nutzer*innen ausgeht[3].

Das ist die eigentliche Frage, die wir ehrlich stellen müssen: Gibt es noch einen werteorientierten Konsens über unsere gesellschaftliche Vision? Und: Können wir uns weiterhin erlauben, den parlamentarischen Raum als einzige Option zu verteidigen – obwohl er strukturell ein exklusiver ist? In der Analogie zur anachronistischen Kulturbewertung: Der parlamentarische Raum ist ein E-Raum. Wie aber nutzen wir den U-Raum demokratischer Verhandlung produktiv für Normierungen außerhalb üblicher Wahlkampfzeiten – die Stadtteilzentren, nicht-formalen Bildungsorte, community-basierten Öffentlichkeiten (wie es auch Verbände sind), in denen gesellschaftliche Visionsarbeit ohne Zugangshürden stattfindet – aber ohne breite Wirkung?

Die Wut, die sich allerorten äußert, ist Symptom der Erosion dieses Konsenses. In den Neuen Bundesländern ist sie besonders sichtbar: Die permanenten Brüche seit 1990, die fortgesetzte Anforderung, sich neu zu erfinden, führten zu umfassender Erschöpfung, Entfremdung und Selbstwertverlust – so Juliane Stückrad über die Ergebnisse ihrer Dissertation beim TRAFO Ideenkongress 2018[4]. Dass »der Osten« in bundesdeutscher Öffentlichkeit kaum Relevanz jenseits distinktionsgetriebener Krisenberichterstattung erfährt und dabei sogar noch pathologisiert wird, vertieft die emotionalen Gräben. Rechtsradikale liefern in diesem Vakuum scheinbar empathische Gegenangebote und tragen durch gezielte Dekontextualisierung zur Feindbildentwicklung bei. Die demokratische Verhandlung verschiebt sich so bereits jetzt von einem agonalen zu einem antagonistischen Modell: nicht mehr Konfliktgruppen, sondern Gegner. Die Erleichterung, die durch Reduktion auf Sieg oder Niederlage entsteht, wird dankbar angenommen – weil das Ohnmachtsgefühl, immer weitere Aushandlungen aushalten zu müssen, zu stark geworden ist.

Was Interessenvertretung bisher bedeutete – und was davon noch trägt

Das klassische Modell kulturpolitischer Interessenvertretung lässt sich so beschreiben: Fachliche Expertise bündeln, in parlamentarische Prozesse einspeisen, Stellungnahmen verfassen, Netzwerke pflegen, Förderlogiken mitgestalten. Impliziter Adressat ist die Politik; implizites Ziel ist Einfluss auf Entscheidungen. Dieses Modell setzt drei Grundannahmen voraus: stabile institutionelle Gesprächspartner, geteilte Annahmen über den gesellschaftlichen Wert von Kunst und Kultur und eine Demokratie, die auf Aushandlung basiert. Alle drei sind heute partiell weggefallen, so eine geteilte Wahrnehmung zwischen Interessenvertretungen und Verbänden im Kultursektor. Was bleibt: die Notwendigkeit, Fachexpertise in politische Räume zu tragen. Was sich verändert: der Adressatenkreis, die Mittel, das Selbstverständnis.

Wer wir sind – und welchen Einfluss das auf unsere Arbeit hat

Das Landeszentrum Freies Theater Sachsen-Anhalt (LANZE) ist Interessenvertretung, Vernetzungsstruktur und Wissensort für die freie darstellende Kunst und Theaterpädagogik in Sachsen-Anhalt. Seit 2018 haben wir uns um eine klarere Haltung und einen expliziten Wertekosmos bemüht, der sich in veröffentlichten Leitbildern und transparenter Kommunikation ausdrückt. Diese Positionierung ist Reaktion auf eine Realität, in der Werteneutralität als Deckmantel für Nicht-Positionierung genutzt wird – und konkretes Werkzeug einer Arbeitsweise ist, die sich werte- und zielbezogen begründet. Wir sprechen aus einer Struktur heraus, die selbst betroffen ist: von struktureller Unterfinanzierung, begrenzter Sichtbarkeit und der Erfahrung, Bedarfe in einem Raum vertreten zu müssen, der die eigene Klientel strukturell unterrepräsentiert.

Veränderte Aufgaben – vier Felder

Schutz und Dokumentation. Förderentscheidungen werden heute aktiv eingesetzt, um künstlerische Haltungen oder gesellschaftliche Themenfelder zu sanktionieren – oft unterhalb der Schwelle des Sichtbaren: durch Verschiebung des gefühlten Sagbarkeitsrahmens, durch verwaltungsinterne Kriterien. Mitglieder äußern in Beratungen Verunsicherung darüber, was noch sagbar, was förderungsfähig ist. Produktionen zu Geschlechterfragen werden zurückgehalten oder kommunikativ entschärft – nicht aus Überzeugung, sondern aus begründeter Sorge. Erste Gefährdungen beruflicher Existenz sind Realität: durch öffentliche Anfeindung, durch postalische Bedrohungen. Diese Fälle zu dokumentieren ist Aufgabe des Landesverbands. In der Beratung empfehlen wir keine Vermeidung, sondern zeigen Absicherungsmechanismen auf. Auch der Konflikt im künstlerischen Geschehen selbst gehört hierher: radikalisierte Publikumspositionen gefährden den Schutzraum der Aufführung. Wir steigen mediierend ein – strukturelle Bedingungen thematisierend, solidarische Räume schaffend. Die emotionale Arbeit, die Kulturakteur*innen dabei leisten, findet noch keine institutionellen Fürsorgestrukturen.

Narrative Gegenmacht. Autoritaristische Bewegungen sind stark in der Produktion einfacher, emotional aufgeladener Narrative. Eine Interessenvertretung, die nur reagiert, bleibt in der Defensive. Gebraucht wird eine offensive Erzählstrategie: die gezielte Sichtbarmachung dessen, was bereits gelebt wird – plurale Praxen, gelingende Kooperationen, künstlerische Räume, in denen gesellschaftliche Komplexität produktiv verhandelt wird. Das ist keine Propaganda, sondern Gegengeschichte: bewusst erzählt, breit adressiert, jenseits des kulturpolitischen Binnendiskurses. Daran schließt sich an, womit wir im politischen Raum operieren: einem verengten Kulturbegriff, der Kunst im Nutzen-Raum verorten will. Wo wir so argumentieren, verfehlen wir den Grundgedanken kulturellen Wirkens: Kunst als Verhandlungsanlass, nicht als Lernziel. Die Erweiterung des Kulturbegriffs im parlamentarischen Raum ist deshalb politische Notwendigkeit.

Strukturelle Resilienz und Vernetzung. Autoritaristische Akteure operieren über legale Instrumente: Förderbedingungen, Verwaltungsermessen, kommunale Mehrheitsentscheidungen. Interessenvertretung muss deshalb nicht nur dokumentieren, sondern Rechtskenntnis und den Zugang zu strategischer Begleitung organisieren – und abwägen: Wann schützt öffentliche Begleitung, wann Diskretion? Gefragt sind Koalitionen jenseits der Kulturblase: mit Akteuren aus Sozialarbeit, Jugendarbeit und Gemeinwesenentwicklung. LANZE baut aktiv Beziehungen zu vertragsgebundenen Theatern, bundesweit agierenden Stiftungen und politischen Akteuren auf – als Türöffner, um im Bedarfsfall strukturellen Rückhalt leisten zu können, der über Beratung hinausgeht.

Reichweite jenseits der Mitgliedschaft. Das bisherige Modell denkt in Mitgliedschaft. Wer nicht organisiert ist, ist kein Klient. Angesichts von Erschöpfung und Rückzug im Feld stellt sich die Frage: Wie erreicht und schützt man Akteur*innen, die sich nicht organisieren können oder wollen? Das berührt das Dilemma der Sichtbarkeit: Vulnerable Gruppen zu repräsentieren bedeutet auch, sie dem Risiko weiterer Anfeindung auszusetzen. LANZE begegnet dem durch Haltungsdokumentation in relevanten Öffentlichkeiten – darunter dieser Beitrag – und durch Schutzstrukturen, die auch ohne formale Mitgliedschaft zugänglich sind.

An die Politik richtet sich der Bedarf, die eigenen Arbeitsweisen zu befragen: Es braucht die Flexibilität, außerhalb fertiger Parteiprogramme zu denken und an Lösungen mitzuarbeiten – gemeinsam mit jenen, die den U-Raum bereits kennen.

Wir stehen an einem Punkt, an dem die Frage nicht mehr lautet, ob die bisherigen Instrumente ausreichen – sondern wer wir sein wollen, wenn sie es nicht (mehr) tun.


[1] Elsässer, Lea / Hense, Svenja / Schäfer, Armin (2017): »Dem Deutschen Volke? Die ungleiche Responsivität des Bundestags«, S.13 (pdf), online, zuletzt verifiziert am 25.06.2026

[2] Merkel, Wolfgang (2010): Keynote »Die Herausforderungen der Demokratie zu Beginn des 21. Jahrhunderts«. Wien, S. 2 (pdf), online, zuletzt verifiziert am 15.05.2026

[3] Renz, Thomas / Mandel, Birgit (2010): https://hilpub.uni-hildesheim.de/server/api/core/bitstreams/145862e3-e2a1-4c25-8322-36e8f453347e/content

[4] Juliane Stückrad (2018): »Kultur als Identitätsstifter«, Videodokumentation online, zuletzt verifiziert am 15.05.2026

Hinweis: Die Blogbeiträge geben nicht die Meinung und/oder Haltung der Redaktion und/oder der Veranstalterin des zweijährlichen Kulturpoliitischen Bundeskongresses wider, sondern die der jeweiligen Autor*inn(en).